„Eine Mehrwegquote von 70% ist willkürlich.“

„Eine Mehrwegquote von 70% ist willkürlich.“

Interview mit Dr. Thomas Unnerstall

Der Autor von Faktencheck Nachhaltigkeit

Was ist eigentlich nachhaltig? Darüber kursieren in Deutschland etliche (Vor)-Urteile. Wir haben mit Dr. Thomas Unnerstall, Autor des Buches „Faktencheck Nachhaltigkeit“, gesprochen. Der studierte Physiker arbeitete zunächst im Umweltministerium Baden-Württemberg, bevor er in der Energiewirtschaft wechselte und heute als freier Autor und Berater tätig ist.

Ihr Buch heißt Faktencheck Nachhaltigkeit – welchem Irrtum über Nachhaltigkeit erliegen viele BürgerInnen?

Es sind vor allem zwei prinzipielle Irrtümer, die sich bei vielen in der Öffentlichkeit und Medien festgesetzt haben. Erstens, der ökologische Zustand der Welt ist generell schlecht und wird immer schlechter. Zweitens, im Westen haben wir einen Lebensstil, der den Planeten zerstört. Beides ist in dieser Pauschalisierung nicht richtig.

Im Umkehrschluss kann man sagen, dass die vielen Fortschritte, die es in den letzten 40, 50 Jahren gegeben hat, unterschätzt werden. Viele Menschen – ob in NGOs, Politik, Wirtschaft oder Forschung – haben gute Arbeit geleistet, um die Situation zu verbessern. In der EU ist der Ressourcenverbrauch schon lange weitgehend entkoppelt vom Konsum- und Wirtschaftswachstum. Unser ökologscher Fußabdruck steigt nicht, sondern er sinkt seit Jahrzehnten.

Die Ressourcen Eisen, Kupfer, Phosphor und vieles mehr sind nicht knapp. Sie reichen nicht zehn oder 20 Jahre, sondern tausende. Der Klimawandel ist das wesentliche Problem – und dafür brauchen wir eine Lösung und die heißt, keine fossilen Energieträger zu nutzen. Hier steht vor allem der Westen in der Verantwortung.

2. Mehrweg gilt in Deutschland generell als umweltfreundlich, Einweg als belastend. Sollte man also stets zu Mehrweg greifen? 

Nein. Da muss man genau hinschauen und wissenschaftlich analysieren, wann welches System ökologisch sinnvoller ist. Das Problem ist: Gerade in Deutschland operieren wir viel mit Meinungen und Ideologien und nicht mit Daten und Fakten, die oft etwas anderes sagen als das Gefühl, das man hat.

Man muss das Gesamtbild betrachten: Was passiert in der Herstellung, im Gebrauch, beim Transport, in der Entsorgung und beim Recycling? Das muss wissenschaftlich untersucht werden, und darauf basierend kann man sich eine Meinung bilden. Das Pauschalurteil „Einweg ist schlecht und Mehrweg ist gut“ ist falsch.

3. In Deutschland wird eine Mehrwegquote von 70 Prozent diskutiert. Heute liegt sie bei 43 %. Was bringt eine Erhöhung der Quote? 

Eine Mehrwegquote von 70% ist willkürlich. Man muss sich die Einzelfälle angucken und entscheiden, was ökologisch sinnvoll ist. Sicherlich ist das Optimum noch nicht erreicht und das System kann in Richtung Mehrweg verbessert werden, aber eine politisch motivierte Quote festzulegen, hilft wenig. Es ist nicht sinnvoll, dass man neue Umweltprobleme erzeugt, um andere vermeintlich zu lösen. Das kann aber passieren, wenn die wissenschaftliche Unterfütterung fehlt.

4. Was sind Eigenschaften einer nachhaltigen Getränkeverpackung?

Eine Getränkeverpackung ist nachhaltig, wenn diese Art der Verpackung auch in 50 bis 100 Jahren noch so genutzt werden kann, ohne dass dies für nachfolgende Generationen zum Problem wird. Es ist ein Missverständnis, dass eine nachhaltige Produktion keinerlei Auswirkungen auf die Umwelt haben darf. Eine 100%tige Kreislaufwirtschaft ist nicht sinnvoll, denn das wäre energetisch und prozessual viel zu aufwendig. Wichtig ist, dass wir die Lebensbedingungen für die nachfolgenden Generationen nicht einschränken, weil wir Ressourcen zerstören oder aufbrauchen.

Ein großes Problem bei Nachhaltigkeitsthemen ist, dass oft plakative Zahlen nicht ins Verhältnis gesetzt werden. Ein Beispiel: Der Mensch holt jedes Jahr 70 Milliarden Tonnen Material aus der Erde. Klingt zwar viel, ist aber tatsächlich nicht mehr als ein winziger Kratzer: Wir könnten das noch tausende Jahre weitermachen und hätten dann lediglich 0,01 Prozent der kontinentalen Erdkruste bewegt. Wir sollten uns auf die Dinge konzentrieren, die wirklich signifikant für die nachfolgenden Generationen sind – und das ist

„Einweg mit Pfand kann unter bestimmten Bedingungen nachhaltiger sein“

Was ist bei der Wahl einer nachhaltigen Getränkeverpackung zu beachten? Die Journalisten Alexander Dallmus und Melitta Varlam vom Bayrischen Rundfunk diskutieren im BR1 Umweltschutz-Podcast „Besser leben. Nachhaltig im Alltag mit dem Umweltkommissar“, wann Einweg mit Pfand ökologisch sinnvoll ist.

Der Beitrag ist in voller Länge unter folgendem Link zu finden:

https://www.br.de/mediathek/podcast/umweltkommissar/wann-plastikflaschen-oekologisch-ok-sind/1826222

Weitere Informationen zu Einweg mit Pfand: https://recyclingmeister.de/einwegmitpfand

Interview ImpfDOSE – „Die verrückte Schorle in einer verrückten Zeit“

Corona, Astra und jetzt die Impfdose. Die Pandemie wird nicht allein dem Bier überlassen. Im Dezember 2020 sicherten sich Tobias Dieter und Sebastian Kreuser spontan den Namen Impfdose. Drei Monate später wurden die ersten Dosen geliefert. Nach nicht einmal zwei Wochen war die erste Charge von ihrem Unternehmen Knaddel Daddel vergriffen.

Warum habt ihr euch für die Getränkedose als Gebinde entschieden?

Tobias Dieter: Die Wortmarke stand bei uns im Vordergrund und ist ein Blickfang. Das Wortspiel ist lustig und wird positiv aufgenommen…   

Sebastian Kreuser: …außerdem ist die Dose praktisch und verursacht keinen Müll. Ich nehme sie mit, trinke sie draußen mit Freunden, das perfekte Gebinde für unterwegs – aktuell umso mehr, da viele Aktivitäten durch die Pandemie lediglich im Freien stattfinden werden. Da geht auch nichts kaputt, sie ist leicht und wenn sie leer ist, wandert sie aufgrund des hohen Materialwerts ins Recycling.

Alu-Dosen werden oft kritisiert. Habt ihr euch darüber Gedanken gemacht?

Sebastian Kreuser: Je nachdem wie Aluminium verwendet wird, wird es gut oder schlecht wahrgenommen. Im Elektroauto ist es gut, an dem Osterei oder dem Schokoladen-Weihnachtsmann stört sich auch keiner, aber gegen die Dose ist man negativ eingestellt. Das ist nicht nachvollziehbar.

Tobias Dieter: Um beim Elektoauto zu bleiben: In einem Tesla Modell S sind ca. 190 Kilogramm Aluminium verbaut – das würde ungefähr der Menge von 15.000 Impfdosen entsprechen. Da habe ich mich gefragt, wenn ich auf einer einsamen Insel wäre, womit käme ich weiter – 15.000 Getränkedosen mit leckerer Weinschorle oder mit einem Tesla?

Sebastian Kreuser: Die Recyclingquote der Getränkedose ist höher als bei jeder anderen Verpackung, daher haben wir kein schlechtes Gewissen, in Dosen abzufüllen.

Wie seid ihr auf Wein für eure Impfdosen gekommen?

Tobias Dieter: Wir sind aus Rheinhessen, der Wein ist aus Rheinhessen, die Abfüllung ist in Rheinhessen. Es ist schön, Partner vor Ort zu haben. Und nebenbei trinken wir auch sehr gerne Wein.

Sebastian Kreuser: Wir kommen aus einer Gegend, wo jeder sich die Schorle selbst mixt. Aber die Weinschorle wird überall getrunken. Bei uns ist meistens deutlich mehr Wein als Wasser drin. Aber wir haben uns dem Mainstream angepasst und mischen jetzt etwas über 50 Prozent Wein und verwenden eine Rebsorte, die geschlechterunabhängig funktioniert. Wir nutzen dafür Rivaner.

Was spricht dafür, Wein in der Getränkedose abzufüllen?

Sebastian Kreuser: Es spricht viel dafür, Wein in Dosen zu füllen. Wein hat immer das Thema Licht. Licht und Naturprodukt verstehen sich im Normalfall nicht gut. Deshalb wird Wein üblicherweise kühl und dunkel im Keller gelagert.

Tobias Dieter: Die Dose hat den Vorteil: Das was drin ist, wird so auch drinbleiben. Sie ist Licht und Luft undurchlässig, dadurch verändert sich der Geschmack nicht. Durch die Beschichtung der Dosen kann das Getränk nicht mit der Dose reagieren.

Sebastian Kreuser: Die Menschen finden den Namen cool und eine ImpfDOSE muss selbstverständlich auch in einer Dose abgefüllt sein. Aber das Produkt muss auch schmecken.

Tobias Dieter: Und alle die sich zurückmelden, sagen es schmeckt. Keine negativen Rückmeldungen bisher.

Impfdose mit hohem Zuspruch
Impfdose mit hohem Zuspruch