Seit 2016 betreibt Speira in Neuss eine reine Recyclinganlage für Dosen. Wie das den CO2-Fußabdruck senkt, erklärt ein Gastbeitrag von Boris Kurth, Leiter Can & Recycling.

In Deutschland wird praktisch jede gebrauchte Aluminium-Getränkedose recycelt, in Europa etwa ¾ aller Dosen, weltweit knapp 70%. Das muss noch mehr werden: Wir wollen, dass jede Dose recycelt wird. Aber was kommt dabei raus?

Bei uns in Speira werden alte Getränkedosen zu Material für neue Dosen. Eine richtig runde Sache. Denn wir sind einer der führenden Aluminiumlieferanten für große (und auch kleinere) Hersteller von Getränkedosen – und wir sind eines der führenden Recyclingunternehmen von Aluminium.

Vom Pfandautomaten ins Walzwerk

Als wir 2016 in Neuss unsere große Anlage zum UBC-Recycling bauten (UBC = used beverage cans, gebrauchte Getränkedosen), da setzten wir extra fortschrittliche Technologie ein, damit unser Prozess nicht nur die in Deutschland über das Pfandsystem gesammelten, sauber getrennten Dosen hocheffizient recyceln kann. Unsere Anlage kann auch sehr stark „verunreinigte“ Anlieferungen verarbeiten – aus Ländern, die Dosen zum Beispiel in offenen Containern am Straßenrand sammeln. Da finden sich Weißblechdosen, viele Plastikverpackungen, Glas, Joghurtdeckel und vieles andere mehr.

Der geschlossene Kreislauf: Ausgangsmaterial

Eng gepresst zu Würfeln, gelangen die gebrauchten Dosen zur Recyclinganlage und werden zerteilt.

Weil wir unser Material meist in gepressten Paketen erhalten, trennen und zerkleinern wir sie mehrstufig. Danach werden die zerkleinerten Schrotte mit Technologien wie Magnet-, Röntgen- und Wirbelstromabscheidern sortiert. Dabei trennen wir auch Aluminium von anderen Metallen und nicht metallischen Verunreinigungen wie Kunststoff, Papier und Pappe. In großen Containern sammeln wir getrennt die unterschiedlichen Wertstoffe, die wir von reinem Alu-Getränkedosenschrott separieren – und führen sie der Wiederverwertung zu.

Mehrstufige Trennung im Recyclingprozess

Förderbänder bringen die zerkleinerten Schrotte zu der mehrstufigen Trennung der Werkstoffe.

Die sortierten Aluminiumschrotte durchlaufen im Anschluss einen Pyrolyseprozess, in dem organische Materialien einschließlich Lackanhaftung und Beschichtungen verschwelt werden. Die endlackten und zerkleinerten Dosen werden anschließend eingeschmolzen, zu neuen Walzbarren recycelt und in Neuss zu neuem Dosenblech gewalzt.


Gereinigt und entlackt kommen die Kleinteile mit einem Wirbel in den heißen Schmelzofen und werden zu flüssigem Rohstoff – für den nächsten Produktzyklus.     

Beim Schmelzen von recyceltem Aluminium gibt es keinen Qualitätsverlust und nur sehr geringe Mengenverluste. Dies ist viel effizienter als das Recycling von Kunststoff. Dieser wird oftmals zu minderwertigem Material „downgecycelt“ und findet sich nur noch in Kunststoff-Textilien.

Geschlossener Kreislauf: Was wird aus dem Aluminium?

Die meisten fertigen Produkte oder Halbzeuge aus Aluminium können Material für neue Dosen darstellen. Recyceltes Aluminium kann aber auch in anderen Produkten Anwendung finden, von Kaffeekapseln bis hin zu Automobilkomponenten und -blechen.

Theoretisch ist bereits möglich, Dosen aus nahezu 100 % Schrott aus Altprodukten herzustellen. Immer größer ist heutzutage auch das Angebot an verfügbaren Schrotten bereits genutzter Produkte – von den Offset-Druckplatten früherer Zeitungsausgaben bis hin zu Fahrrädern, Nummern- oder Verkehrsschildern und Karosserieteilen … oder eben Dosen.

Also übernehmen wir bei Speira Verantwortung dafür, den Materialkreislauf für Schrotte effizient zu schließen. Was das heißt? Es bedeutet, den Fluss von Recycling, anderen Metallquellen und der Produktion unserer neuen Aluminiumbänder und -bleche so wirksam wie sparsam zu planen: möglichst gering in Aufwand, Emissionen, Zwischenlagerung, möglichst zuverlässig für hochwertige Legierungen, denen wir beim Raffinieren in der Gießerei nur wenige andere Stoffmengen mehr beimischen müssen. Gerade gebrauchte Dosen enthalten zum Beispiel eine gewisse Dosis Magnesium, die wir dann genau abmischen und weiternutzen.

Wir von Speira betreiben in Neuss nicht nur unser Rheinwerk, sondern als 50%-Anteilseigner auch den direkten Nachbarn: das riesige Walzproduktewerk Alunorf. Gemeinsam tragen wir Sorge dafür, dass auch die Aluminiumschrotte, die aus unseren eigenen Industrieprozessen sowie aus der Verarbeitung unserer Kunden stammen, recycelt werden.

Recycling von Getränkedosen schont die Umwelt

Den „CO2-Fußabdruck“ der Dose machen wir also immer kleiner, je besser wir recyceln. In den letzten Jahren neu entwickelte ultraleichte Dosen wiegen etwa bei 330 ml Füllgröße nur 9,5 Gramm, sind von der Wandstärke dünner als ein menschliches Haar und senken den Metallgehalt um etwa 5 %. Das ist nicht viel? Würde man europaweit Standarddosen der gleichen Größe durch ultraleichte Varianten ersetzen, könnte das rund 19.000 Tonnen Aluminium pro Jahr einsparen – das entspricht dem Abfluggewicht von etwa 29 Passagierflugzeuge des Typs A380.

Auf globaler Ebene schätzt das International Aluminium Institute (IAI), dass bereits ein einziges Gramm Gewichtsreduzierung pro Dose über 200.000 Tonnen Material jährlich einsparen könnte. Hinzu kommt als zusätzlicher Vorteil eine Senkung von Treibstoffverbrauch und Transportemissionen.

Auch der geringere Durchmesser von Dosendeckeln spart Gewicht, mit einem insgesamt großen Effekt: Die neue Generation von Dosendeckeln enthält 10% weniger Material als Standarddeckel, stellt das IAI fest. Weitere strukturelle Optimierungen hängen ab von praktischen Fragen wie der Aufrechterhaltung von Festigkeit und Stapelbarkeit.

Die gesamte Wertschöpfungskette der Getränkedose achtet darauf, Emissionen zu mindern und Ressourceneffizienz zu erhöhen. Wichtig sind dazu die Rahmenbedingungen: Handlungsbedarf besteht noch, um die Öffentlichkeit einzubinden und das Sammeln gebrauchter Getränkedosen weiter zu erhöhen. Je mehr unsere Politik die Kreislaufwirtschaft gesetzlich verankert, umso besser sollte dies selbstverständlich werden, zumindest in Europa. Der hohe Schrottwert von Aluminiumdosen ist an sich schon ein großer wirtschaftlicher Anreiz. Auch in dieser Hinsicht gilt, dass wirklich jede Dose zählt.