Claudia Bierth, Sustainability Managerin

Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft sind in vielen Industrien von wachsender Bedeutung und rücken in Zuge des Green Deals immer weiter in den Fokus von Gesellschaft und Politik. Das gilt auch für Getränkeverpackungen. Wir haben mit Claudia Bierth, European Sustainability und Public Affairs Managerin beim Getränkedosenhersteller Ball, über die europäische Recycling- und Verpackungspolitik gesprochen.

Frau Bierth, welche Entwicklungen und Zielsetzungen gibt es im Rahmen des Green Deal im Bereich der Getränkeverpackungen?

Claudia Bierth: Die Kommission überarbeitet derzeit die europäische Richtlinie für Verpackungen und Verpackungsabfälle. Hierbei stehen nun die Recyclingfähigkeit und das hochwertige Recycling von Verpackungen im Vordergrund. Vorher schaute man nur auf die Gewichtsreduzierung und den CO2-Fußabdruck. Das ist ein echter Paradigmenwechsel in der europäischen Verpackungspolitik. Es geht darum, Verpackungsmaterialien, z.B. Getränkeverpackungen, so lange wie möglich im Kreislauf zu halten. Die starre Fokussierung auf den Ressourcenverbrauch hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass es sehr viele extra leichte und effiziente Verpackungen auf den Markt waren. Diese waren gar nicht oder nur schlecht zu recyceln.

Müllvermeidung ist kein Thema mehr?

Claudia Bierth: Doch natürlich. Es gibt konkrete Vorschläge zur Reduzierung und Vermeidung von Verpackungsabfällen neben der Förderung von Mehrwegsystemen z.B. zur Reduzierung von Verpackungsteilen, die den Schutz des Packgutes bei der Lagerung und beim Transport nicht verbessern und daher unnötig sind. Außerdem soll die Anzahl der in einer Verpackung verwendeten Materialien oder Polymere verringert werden.

Inwieweit ist der europäische Aktionsplan Kreislaufwirtschaft in Deutschland angekommen?

Claudia Bierth: In Deutschland wird der neue europäische Aktionsplan Kreislaufwirtschaft grundsätzlich positiv gesehen, die Kreislaufwirtschaft als Motor für eine nachhaltige europäische Wachstumsstrategie zu positionieren. Produktspezifische Quoten für Rezyklate, wie es sie z.B. für PET Flaschen schon gibt, werden als wichtiger Treiber für die Nachfrage nach recycelten Materialien gesehen. Die Zögerlichkeit hinsichtlich eines Deponierungsverbots von recycelbaren und verwertbaren Abfällen, eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft, wird jedoch von vielen kritisch gesehen.

Was bedeutet der Aktionsplan für die Getränkeverpackungen und die Dose?

Claudia Bierth: Das permanente Material der Getränkedose bietet inhärente Vorteile. Im Gegensatz zu den meisten anderen Verpackungsmaterialien lässt sich Metall – ob Aluminium oder Stahl – immer wieder und nahezu unbegrenzt und ohne Qualitätsverlust recyceln. So bleibt das Material lange im Kreislauf erhalten und kann für den gleichen Verpackungstyp oder ein anderes hochwertiges Produkt wieder eingesetzt werden.

Seit Jahren arbeiten wir daran, den CO2-Fußabdruck in unserer Industrie zu reduzieren, z.B. durch Gewichtsoptimierung (ca. 40% Reduzierung Standarddose gegenüber den 80er Jahren) und Recycling. Recycling ist dabei der wichtigste Hebel und kann speziell bei Aluminium eine 95%ige Energieeinsparung gegenüber Primäraluminium bringen.

Was kann Deutschland mit Blick auf Brüssel lernen? Was muss sich ändern?

Claudia Bierth: In Brüssel werden Metallverpackungen wie die Getränkedose nicht als Problem gesehen, da sie enorm recyclingfähig sind und in vielen EU-Ländern bereits eine sehr gute Sammelinfrastruktur besteht. In Deutschland ist die Haltung trotz der weltweit höchsten Recyclingquote von 99,1% kritischer. Deutschland sieht sich, gerade im Bereich Umweltpolitik gerne als Vorreiter in der EU, wenn nicht sogar weltweit. Und in vielen Bereichen ist diese Perspektive sicherlich berechtigt. Manchmal verführt dieser Blick jedoch auch zu einer eher isolationistischen Haltung, die den Blick für heutige Lebens- und Konsumrealitäten verbaut. Das führt zu Alleingängen, die am Ende nicht gut für die Umwelt sind.

Inwiefern?

Claudia Bierth: Beispiel Mehrweg: Eigentlich ein Mittel zum Zweck, aber in Deutschland hat man manchmal den Eindruck, es handelt sich eher um ein Glaubensbekenntnis. Mehrweg ist nicht per se umweltfreundlicher, das zeigt insbesondere die schlechte Transportbilanz der Individualflasche. Insofern ist Mehrweg ökologisch und betriebswirtschaftlich nur sinnvoll bei kurzen Wegen und einheitlichen Flaschen. Für die übrige Vielfalt ist die Geträn­kedose in vielen Situationen eine gute Wahl.

Auch die EU hat Mehrwegförderung auf der Agenda. Aber sie ist sich bewusst, dass Mehrweg nicht immer besser ist. Daher wird sie Vorschläge zur Mehrwegförderung auf Basis umfangreicher Umweltverträglichkeitsprüfungen ausarbeiten. Umwelt- und wirtschaftlichen Auswirkungen der Instrumente werden auf wissenschaftlicher Basis bewertet – und nicht auf Basis politischer Opportunität.

Und das wünschen Sie sich auch für Deutschland?

Ja, statt ideologischer Maximalforderungen brauchen wir in Deutschland ökologische Zielvorgaben. Das gilt für alle Getränkeverpackungen, egal ob Mehrweg- oder Einwegflaschen aus Glas oder PET, ob Getränkedosen oder Getränkekartons. Von Einweg oder Mehrweg zu optimiertem Einweg und Mehrweg – das muss unter Umweltaspekten unser Ziel sein.