Interview mit Dr. Thomas Unnerstall

Der Autor von Faktencheck Nachhaltigkeit

Was ist eigentlich nachhaltig? Darüber kursieren in Deutschland etliche (Vor)-Urteile. Wir haben mit Dr. Thomas Unnerstall, Autor des Buches „Faktencheck Nachhaltigkeit“, gesprochen. Der studierte Physiker arbeitete zunächst im Umweltministerium Baden-Württemberg, bevor er in der Energiewirtschaft wechselte und heute als freier Autor und Berater tätig ist.

Ihr Buch heißt Faktencheck Nachhaltigkeit – welchem Irrtum über Nachhaltigkeit erliegen viele BürgerInnen?

Es sind vor allem zwei prinzipielle Irrtümer, die sich bei vielen in der Öffentlichkeit und Medien festgesetzt haben. Erstens, der ökologische Zustand der Welt ist generell schlecht und wird immer schlechter. Zweitens, im Westen haben wir einen Lebensstil, der den Planeten zerstört. Beides ist in dieser Pauschalisierung nicht richtig.

Im Umkehrschluss kann man sagen, dass die vielen Fortschritte, die es in den letzten 40, 50 Jahren gegeben hat, unterschätzt werden. Viele Menschen – ob in NGOs, Politik, Wirtschaft oder Forschung – haben gute Arbeit geleistet, um die Situation zu verbessern. In der EU ist der Ressourcenverbrauch schon lange weitgehend entkoppelt vom Konsum- und Wirtschaftswachstum. Unser ökologscher Fußabdruck steigt nicht, sondern er sinkt seit Jahrzehnten.

Die Ressourcen Eisen, Kupfer, Phosphor und vieles mehr sind nicht knapp. Sie reichen nicht zehn oder 20 Jahre, sondern tausende. Der Klimawandel ist das wesentliche Problem – und dafür brauchen wir eine Lösung und die heißt, keine fossilen Energieträger zu nutzen. Hier steht vor allem der Westen in der Verantwortung.

2. Mehrweg gilt in Deutschland generell als umweltfreundlich, Einweg als belastend. Sollte man also stets zu Mehrweg greifen? 

Nein. Da muss man genau hinschauen und wissenschaftlich analysieren, wann welches System ökologisch sinnvoller ist. Das Problem ist: Gerade in Deutschland operieren wir viel mit Meinungen und Ideologien und nicht mit Daten und Fakten, die oft etwas anderes sagen als das Gefühl, das man hat.

Man muss das Gesamtbild betrachten: Was passiert in der Herstellung, im Gebrauch, beim Transport, in der Entsorgung und beim Recycling? Das muss wissenschaftlich untersucht werden, und darauf basierend kann man sich eine Meinung bilden. Das Pauschalurteil „Einweg ist schlecht und Mehrweg ist gut“ ist falsch.

3. In Deutschland wird eine Mehrwegquote von 70 Prozent diskutiert. Heute liegt sie bei 43 %. Was bringt eine Erhöhung der Quote? 

Eine Mehrwegquote von 70% ist willkürlich. Man muss sich die Einzelfälle angucken und entscheiden, was ökologisch sinnvoll ist. Sicherlich ist das Optimum noch nicht erreicht und das System kann in Richtung Mehrweg verbessert werden, aber eine politisch motivierte Quote festzulegen, hilft wenig. Es ist nicht sinnvoll, dass man neue Umweltprobleme erzeugt, um andere vermeintlich zu lösen. Das kann aber passieren, wenn die wissenschaftliche Unterfütterung fehlt.

4. Was sind Eigenschaften einer nachhaltigen Getränkeverpackung?

Eine Getränkeverpackung ist nachhaltig, wenn diese Art der Verpackung auch in 50 bis 100 Jahren noch so genutzt werden kann, ohne dass dies für nachfolgende Generationen zum Problem wird. Es ist ein Missverständnis, dass eine nachhaltige Produktion keinerlei Auswirkungen auf die Umwelt haben darf. Eine 100%tige Kreislaufwirtschaft ist nicht sinnvoll, denn das wäre energetisch und prozessual viel zu aufwendig. Wichtig ist, dass wir die Lebensbedingungen für die nachfolgenden Generationen nicht einschränken, weil wir Ressourcen zerstören oder aufbrauchen.

Ein großes Problem bei Nachhaltigkeitsthemen ist, dass oft plakative Zahlen nicht ins Verhältnis gesetzt werden. Ein Beispiel: Der Mensch holt jedes Jahr 70 Milliarden Tonnen Material aus der Erde. Klingt zwar viel, ist aber tatsächlich nicht mehr als ein winziger Kratzer: Wir könnten das noch tausende Jahre weitermachen und hätten dann lediglich 0,01 Prozent der kontinentalen Erdkruste bewegt. Wir sollten uns auf die Dinge konzentrieren, die wirklich signifikant für die nachfolgenden Generationen sind – und das ist