Der Blick in die Getränkeabteilung deutscher Supermärkte offenbart: Die Zahl der unterschiedlichen Mehrwegflaschen steigt ständig. Hinter der großen Auswahl verbirgt sich ein komplexes System. Die ökologische Sinnhaftigkeit durch die Sortier- und Transportabläufe ist anzuzweifeln.

„Nachhaltig“ ist kein USP der Mehrwegflaschen

Der Begriff Mehrweg ist oft schnell mit Nachhaltigkeit verstanden. Entscheiden sich Getränkehersteller für die Mehrwegflasche, spielt jedoch ein zweiter Faktor eine große Rolle: Das Produktdesign gewinnt immer mehr an Bedeutung, um sich von Wettbewerbern zu unterscheiden und die Verpackung für den Verbraucher attraktiver zu machen.

Kreative Designs helfen, die Wahrnehmung der Marke zu verbessern und den Umsatz anzukurbeln. Dabei geht es nicht nur darum, ausgefallene Etikette als Eye-Catcher zu schaffen, sondern auch durch die Form der Flasche aufzufallen. Ob langer dünner Flaschenhals oder ikonisches Ploppen des Verschlusses, die Form der Flasche kann Teil des Trinkerlebnisses sein. Veltins Pressesprecher Ulrich Biene erklärt den Anstieg der Verkaufszahlen in einem Beitrag der Zeitschrift P.M. mit der veränderten und höherwertigen Optik der Flaschen: „Der Verbraucher nimmt die Flasche in die Hand oder setzt sie sogar an den Mund an. Dichter dran kann man nicht am Kunden sein.“

Konsequenz dieser Entwicklung ist aber auch die sinkende Anzahl von Pool– und wachsende Anzahl von Individualflaschen. Die Einheitsflaschen verkaufen sich nicht mehr so gut. 

2012 lag der Anteil von Individualflaschen im Biersegment noch bei 15 Prozent – fünf Jahre später schon bei 42 Prozent. Mittlerweile sind 1.500 verschiedene Flaschen im Umlauf und werden in bis zu 3000 verschiedenen Kästen quer durch Deutschland transportiert.

1.000.000.000 fehlgeleitete Mehrwegflaschen pro Jahr in Deutschland

Das Mehrweggebinde verspricht, seinen Weg zum Abfüller zurück zu finden – dort angekommen, folgt eine neue Abfüllung. Mit der 1969 auch für Mineralwasser eingeführten Perlflasche funktionierte das vier Jahrzehnte auch gut. Bundesweit von nutzen diese zahlreiche Getränkeabfüller. So waren die Transportwege zwischen Hersteller, Abfüller und Kunde vergleichsweise gering. Doch die individuelle Flasche löste die Perlflasche oder Standard-Bierflasche als Verpackung für viele Getränke ab.

Die sogenannte „Pool“-, also Standard-Bierflasche legte im Jahr 2013 laut einem Gutachten der Unternehmensberatung Deloitte im Durchschnitt 419 Kilometer zurück. Bei der Individualflasche waren es 537 Kilometer, also 118 km mehr. Der Grund: Die individuelle Flasche muss zu ganz bestimmten Abfüllorten zurück, die Standardflasche ist nicht an einen Abfüller gebunden.

Voraussetzung für eine Rückführung der inzwischen mehr als 1500 Typen von Individualflaschen ist, dass diese richtig sortiert sind und in den richtigen Kästen landen. Dafür ist händische Arbeit nötig, denn viele Flaschen landen beim falschen Abfüller. In Deutschland handelt es sich dabei um eine Milliarde fehlgeleitete Flaschen, deren Entsorgung und Transport immensen Aufwand bedeuten. Allein bei der Flensburger Brauerei landen jede Woche bis zu 80.000 Flaschen, die nicht wieder befüllt werden können. Der Weg, bis diese Flaschen beim vorgesehenen Abfüller landen, falls sie es tun, ist umso länger. Der Aspekt der Nachhaltigkeit bleibt bei diesem Trend auf der Strecke, bilanziert Stephan Rösgen vom Forum Getränkedose: „Die steigende Zahl individueller Mehrwegflaschen führt zu einem deutlichen Anstieg der Transportwege – mit allen negativen Folgen für das Klima. Dagegen werden Getränkedosen nach der Rückgabe im Pfandautomaten gepresst und gehen direkt zum nächsten Recyclingbetrieb.“

Aussortiert: Das frühe Ende einer Mehrwegflasche

Der aufwendige und schwere Transport leerer Flaschen ist nur ein und aus ökologischer Sicht noch nicht mal der Aspekt, der sich besonders negativ auf die Umweltbilanz von Mehrweg auswirkt.

Auch die oft zitierte Wiederbefüllungsrate von Mehrwegflasche – angeblich 50-mal – ist ein hypothetischer Wert. In der Realität findet der Lebenszyklus oft wesentlich früher sein Ende. Das liegt unter anderem daran, dass viele Flaschen die 50 Umläufe nicht schadlos überstehen und eine abgenutzte Flasche sich schlecht verkauft. Diese werden deshalb in der Qualitätsprüfung oft früher aussortiert. Es liegt aber auch daran, dass die vielen Individualflaschen gar nicht den Weg zurück zu ihrem Abfüller finden, denn der Prozess ist mit den über 1500 verschiedenen Flaschentypen viel zu komplex. Das Deloitte-Gutachten zeigt, dass Individualflaschen in der Praxis im Schnitt lediglich 23-mal wieder befüllt werden und das auch nur, wenn sie tatsächlich zwischen den verschiedenen Abfüllern getauscht werden. Das passiert aber auch immer weniger.

Was heißt das für die Umwelt?

Die Vielzahl an verschiedenen individuellen Flaschentypen und Kästen wächst. Ebenso die Menge des aussortierten und fehlgeleiteten Leerguts. Das hin und her der verschiedenen Gebinde stellt durch den aufwendigen Transport und die damit verbundenen CO2-Emissionen von Mehrwegflaschen eine immer größere Belastung für die Umwelt und keine nachhaltige Lösung dar.